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Trotz Umsatzplus: Medizintechnik-Branche leidet unter Krisenzeiten

10.11.2022
Mit einem leichten Plus von 3,5 % erwartet die Medizintechnik-Branche 2022 einen Gesamtumsatz von etwa 37,7 Mrd. Euro. Doch der Krieg in der Ukraine, Lieferengpässe, die neue EU-MDR sowie steigende Material- und Energiekosten belasten das Geschäft.

Trotz krisenhafter Zeit prognostiziert der Industrieverband Spectaris der deutsches Medizintechnik-Branche ein moderates Wachstum. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für den Zeitraum Januar bis August 2022 belegen ein Umsatzplus der Medizintechnik-Industrie von 4,1 %. Für das Gesamtjahr 2022 rechnet der Verband mit einem etwas geringeren Anstieg von 3,5 %, was einem Branchenumsatz von 37,7 Mrd. Euro entsprechen würde.

Exportabhängige Medizintechnik-Branche

Bei einer voraussichtlichen Exportquote von knapp 67 % wird im Inland ein Zuwachs von etwas mehr als 3 %, beim Auslandsumsatz um rund 4 % erwartet. Während die Ausfuhren nach Asien, insbesondere aufgrund von Lockdowns und Reisebeschränkungen in China, im ersten Halbjahr leicht rückläufig waren (-3,7 %), stiegen die Exporte nach Nordamerika im gleichen Zeitraum deutlich an (+8,5 %).

Verschiedene Herausforderungen belasten die Medtech-Unternehmen

„Wir erwarten, dass die deutsche Medizintechnikindustrie im Jahr 2022 ihren Umsatz nominal erneut steigern wird. Ein Grund zur Freude ist das aber nicht“, betont Marcus Kuhlmann, Leiter der Medizintechnik im Deutschen Industrieverband Spectaris. „Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, massive Lieferkettenstörungen, die Auswirkungen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) und drastisch steigende Material-, Energie- und Logistikkosten bereiten zunehmend Sorge. Das Umsatzwachstum ist daher ein zweischneidiges Schwert, denn es wird von Kostensteigerungen begleitet, wodurch sich die Ertragslage verschlechtert.“

EU-MDR sorgt bereits für Versorgungsprobleme

Kuhlmann weiter: „Die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit und damit die Existenz vieler kleinerer und mittelständischer Medizintechnikhersteller ist derzeit definitiv gefährdet. Die Politik muss schnell und entschlossen handeln, um diesen Krisen mit allen erforderlichen Mitteln zu begegnen.“ Dies betrifft insbesondere Energiekostendämpfung und Finanzhilfen für den Mittelstand, dringende Anpassungen der MDR, die Nutzung von Versorgungs- und Gesundheitsdaten für die forschende Industrie sowie eine verstärkte Forschungsförderung von Schlüsseltechnologien. Die Unternehmen haben unter anderem ihr Budget für Forschung und Entwicklung zurückgeschraubt, so Kuhlmann. Zudem lohne ich der MDR-Aufwand für die Rezertifizierung verschiedener Nischenprodukten oder Produkten mit kleinen Stückzahlen häufig nicht mehr. Dies hätte bereits heute zur Folge, dass in Krankenhäuser zahlreiche Medizinprodukte nicht mehr verfügbar sind.

Unternehmen brauchen Unterstützung der Politik

Außerdem plädiert Spectaris dafür, den Arbeitsschwerpunkt des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zu setzen. „Die Unternehmen benötigen schnellere Genehmigungen von Ausfuhren sowie raschere Bewilligungen von Förderanträgen, etwa im Bereich Energieeffizienz“, so Kuhlmann.

Leichtes Umsatzplus auch für 2023 erwartet

Laut Ifo-Konjunkturumfrage Stand Oktober ist die Stimmung in der Branche allerdings zunehmend getrübt. Mehrheitlich wird mit einer Verschlechterung der Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten gerechnet. 90 % berichten von einer Produktionsbehinderung durch Materialknappheit, 40 % durch einen Mangel an Fachkräften. Für das kommende Jahr 2023 rechnet der Verband trotz der großen Herausforderungen mit einem Umsatzzuwachs, auch wenn dieser schwächer ausfallen wird als 2022.

Quelle: medizin&technik vom 10.11.2022